Ente an Bord

Aus dem Logbuch der Bavaria 42 „Honfleur“

Dyreborg, 21. Mai 1995

Crew: Sybille, Jörn, Alexandra(12) und John(9)

Frühmorgens werden wir von der Sonne  geweckt, und schon nach 30 Minuten Heizen haben wir satte 10°C unter Deck, fast karibisch.Vormittags machen wir einen Abenteuerspaziergang mit John, später gibt es von Alexandra fabrizierte Erdbeertörtchen. So wohlgestärkt machen sich die Männer auf zum Strandfußball.
Doch schon nach kurzer Zeit stehen sie wieder vor dem Schiff, John hält eine winzige, frisch geschlüpfte Stockente vorsichtig in der Hand. Sie war von einer Frau ins Meer gesetzt worden und wäre dort beinahe zu Tode gekommen. Die kleine Ente hat sogar noch ihren Eizahn, mit dem sie von innen die Schale angepickt hat. Sie ist eiskalt, zittert und piept jämmerlich. Auch setzt sie ein Bein falsch an und kann nicht stehen.
Unsere Rettungsaktionen laufen sofort an. „Ducky“ bekommt ein Frotteetuchnest im Budweiserkarton und wird mit der Hand gewärmt. ducky3032(2)Wir rufen zuhause an und bitten meinen Bruder um Rat:“ Hilfe, was fressen denn Entenbabies?“
Bald sind wir auf der Suche nach „Kerb- und Weichtieren und feinen Spitzenblättern“ (fragen Sie nur Herrn Brehm!). Alexandra verwöhnt die Kleine mit Streicheln und Wärme. Nach einiger Zeit trinkt Ducky Wasser, zupft am Salat und frisst etwas kleingeschnittenes Muschelfleisch.  Das ist ein Anfang. Die erste Nacht verbringt sie im Karton in Johns Kajüte.

22.05.1995

Der Zeitplan des heutigen Tages wird voll und ganz von unserem jüngsten Crewmitglied bestimmt. Nachdem es morgens in Mamas Koje schon vor sieben Wärme, Brot und Salat gab (Pupse landen natürlich auf dem Bettlaken) wird John ausgeschickt, um Tang und Muscheln zu besorgen. Alexandra und Jörn fahren per Fahrrad nach Faaborg und besorgen einen Waschschüssel-Swimmingpool, da ich das Baden im Becken in der Pantry etwas unhygienisch finde.

ducky3031(2)Heu (für Kaninchen) und Vogelfutter(für Nymphensittiche) machen den Pappkarton zum Heim. Alle zwei Stunden badet Ducky voller Freude im Pool, muss danach aber jedes Mal wieder aufgewärmt werden.

 

23.05.1995

Auch heute konnten wir Duckys Entenfamilie im Ort nicht finden, so machen wir uns auf nach Korshavn auf Avernakö. Es ist eine „so mag Mami das Segeln“-Tour, leichter Wind, keine Welle, guter Kurs.
Im Hafen leihen wir uns Cycler aus (per Geldbox für 15Dkr.) und radeln durch herrliche Landschaft zum Nordanleger. Avernakö ist klein und hier grüßt jeder jeden. Ducky hat  ihren ersten Landgang mit Ameisenjagen und Löwenzahnknabbern auf der Wiese. Sie bewegt sich völlig frei, aber wenn  der Enten-Babysitter geht, flitzt sie mit. Sie genießt das Baden in der Schüssel, Muschelfleisch , das ihr ein alter Fischer auf der Brücke schenkt, und das Dösen in der Hand. Nur: Weggehen dürfen wir nicht, dann wird gequakt.

24.05.95

Der Wind nebst Schwell steht quer, der Frühstückstee schwappt bedenklich in den Tassen, so entschließen wir uns, lieber Richtung Aerösköbing auszulaufen. Wir wundern uns sehr, wie viele Schiffe dort anscheinend fluchtartig den Hafen verlassen und befürchten schon eine Sperrung wegen Regatta. Aber weit gefehlt. Kaum festgemacht wissen wir den Grund: Millionen von Mücken haben die Stege und Schiffe erobert. Auch wir werden natürlich heimgesucht, setzen aber unsere Geheimwaffe Ducky ein: Rangehalten an die träge Mücke, Hals vor, zack, Mücke weg! So ist die Plage ganz lustig zu ertragen, und die Stegnachbarn sind wohl etwas neidisch, müssen sie doch den Wasserschlauch nehmen, um die Viecher zu beseitigen.
Das kleine Entchen entwickelt einen guten Appetit, steht jetzt fest auf beiden Beinchen und macht unheimlich viel Freude.

25.05.95

Morgens überkommt den Kapitän fast Panik. Unser liebevoll geputztes Schiff ist überzogen mit Schwärmen von schwarzpupenden Mücken! Nur unsere Ente freut sich über die reiche Beute. Mit leichtem Wind bei Sonnenschein segeln wir putzend nach Söby, wo wir nachmittags unsere Freunde von der „Hanima“ mit ihren Kindern treffen. Ducky erfreut uns abends mit kleinen Einlagen auf dem Salontisch zwischen den Sektgläsern und schläft dann genüsslich in der Hand von Freund Heinz ein. Voll konzentriert und liebevoll wacht er über die Kleine, sein großer Daumen stützt das Köpfchen, das im Schlaf immer zur Seite zu fallen droht. Die kleine Ente ist nur eine Handvoll Leben, aber Jörn meint, sie sei schon gewachsen. Außerdem ist der Eizahn verschwunden. Viele Segler freuen sich mit uns über Ducky und fragen natürlich, was wir zuhause mit ihr machen. Das fragen wir uns auch.ducky3027 (2)

27.05.95

Gegen Mittag setzen wir Segel zur Fahrt nach Kappeln. Die Kinder spielen Lego trotz Lage, und Ducky hüpft über Kissenberge und ins neu erbaute Legoschloss.ducky3030(2)

 

Ente im Haus

Per Pappkarton mit der Aufschrift „Bitte nicht stürzen“ kommt das Entchen mit nach Hause, wird im Auto mit Wasser und Brot gefüttert und pupt auf Windeln.
Im Garten richten wir ein Gehege ein mit Kaninchendraht, Vogelnetz (führet die Elstern nicht in Versuchung), Tränke und einem Holzkistenhaus. Doch die noble Einrichtung stößt bei Ducky nicht auf Gegenliebe, sie möchte nur bei ihrer Familie sein. Also (es ist ja draußen auch noch viel zu kalt!) darf sie in der Küche laufen und hat dort auch ihren Essplatz. Nun muss aber jeder Schritt bedacht werden, denn am liebsten steht sie zwischen den Füßen. Wir gewöhnen uns schnell an, mit Schlurfe-Schleich-Schritt durchs Haus zu wandern. Ansonsten läuft man Gefahr, die Kleine zu treten oder sie fällt vor lauter Nachrenneifer auf den Schnabel.
Schnell finden wir heraus, dass die Regenwürmer aus dem Kompost von Johns Freundin Svenja am besten munden, unsere eigenen werden nur im Notfall akzeptiert. Alle zwei Tage muss John für Nachschub sorgen. Für Ducky werden Leckerbissen wohl immer mit Herrn Kühne’s guten Rotkohlgläsern verbunden sein…
Haferflocken, Würmchen und Äpfel lassen die Ente sichtbar wachsen. Jeden Tag wird mehrfach gebadet, zuerst im Waschschüssel-Pool, später im alten Planschbecken. Ist das Wasser leicht angewärmt (aber wir verwöhnen sie doch nicht!), plantscht sie voller Freude, aus kaltem springt sie sofort wieder heraus.

In den ersten Wochen kuschelt Ducky abends bei einem von uns in der Hand, später auf dem Schoß. Nach drei Wochen macht sie es sich lieber auf dem Teppich bequem. Nur schade, dass man Enten keine Windeln anlegen kann.

Geschlafen wird im Pappkarton. Wir decken ein Tuch darüber, und wie bei unserem Wellensittich ist schnell Ruh‘. Eines Abends finden wir die Lütte erst nach einigem Suchen – bei Alexandra im Bett unter den Haaren! Beide sind beim Schmusen eingeschlafen.

Wieder an Bord

Jedes Wochenende ist Ducky natürlich mit an Bord, und es ist ein Bild für die Götter, wie sie auf dem Steg eifrig hinter uns großen Gestalten herwatschelt. Der Salonteppich wird hochgenommen, um das Schlimmste zu verhüten, aber nach einigen Wochen ist auch das vorbei. Nicht nur Ducky wird größer, ihre Kleckse auch. Nun muss sie mit der Plicht vorlieb nehmen, auch wenn sie von dort aus manchmal durch die Fenster in die Kinderkojen hüpft und einmal sogar den Niedergang herunterpurzelt. Auch während des Segelns sitzt sie in der Plicht, und dem Kapitän macht es (fast) gar nichts aus, wenn mal eine Schot etwas Schiet abbekommt.

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Anfang Juli starten wir in den Urlaub nach Hiddensee, Rügen und in die Dänische Südsee. Ducky ist nun fast ausgewachsen, versucht schon mal zu fliegen und ist (ganz objektiv natürlich) eine wunderschöne gepflegte Entendame geworden. Wenn wir in einem Gartenrestaurant essen gehen, watschelt sie hinter uns her und legt sich ganz entspannt unter den Tisch. Einmal brachte sogar eine Kellnerin, ohne die Miene zu verziehen, einen mit Wasser gefüllten Aschenbecher und stellte ihn vor Ducky hin.
Auf ihrem Badeplattform-Aussichtsplatz wacht Ducky über den Hafen, und es grenzt an ein Wunder, dass kein vorbeifahrender Skipper die Kontrolle über sein Boot verloren hat („Papi, guck doch mal, die Ente!!“). Wir sind zusammen mit unseren Freunden von der „Hanima“ und der „Jofra“ unterwegs und alle haben Spaß mit der Kleinen. Wer baden geht, nimmt die Ente mit.Dann gibt es Algen und kleine Muscheln und es darf gegründelt werden.

ducky3029Besonders das Tauchen macht viel Spaß! Wir mussten es ihr allerdings erst beibringen:Auf Kommando verschwanden alle unter Wasser. Ducky sah sich verdutzt um: “Nanu, wo sind  denn meine Leute?“- und tauchte hinterher!
Sie düst von einem zum anderen, taucht auch, jetzt hat sie den Bogen raus, zwischen den Beinen durch und lässt sich gern mal auf dem Rücken und den Schultern der Menschen nieder und „lässt schwimmen“.

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Abschied von Ducky

Nach drei Wochen herrlichen Urlaubs sind wir wieder zuhause. Wir vergrößern das Gehege, aber es ist klar, dass Ducky nicht bei uns bleiben kann. Sie weint gar jämmerlich, wenn sie alleingelassen wird, außerdem ist es für sie keine rosige Aussicht, immer ohne andere Artgenossen zu sein.
Wir versuchen unser Glück an einem Ententeich in der Nähe: „Guck mal, Ducky, das sind Deine Leute. Nun schwimm doch mal mit!“ Da steht unsere gepflegte Entendame mit leicht arrogantem Gesichtsausdruck und denkt gar nicht daran, sich mit diesen wilden Aristoducks einzulassen. Auf diese Weise ist an Auswildern nicht zu denken.
Schweren Herzens fahren wir mit ihr zum Wildpark Eekholt, wo wir sie in der Obhut einer Tierpflegerin lassen können. Sie nimmt Ducky mit zu sich nach Haus, dort ist sie in Gesellschaft anderer Stockenten und kann beginnen, ein richtiges Entenleben zu führen. Nach einer Woche erkundigen wir uns und erfahren, dass es Ducky gut geht. Das freut uns natürlich sehr. Wir vermissen sie alle und wünschen uns, dass unsere Entendame einen feschen Erpel findet.

In den vergangenen Wochen haben wir unglaublich viel gelernt. So konnten wir auch beobachten, dass die neuen Federn in Hülsen wachsen, die von der Ente erst aufgeknabbert werden müssen. Unsere Hochachtung vor Vögeln ist durch das Zusammenleben mit Ducky enorm gestiegen. Ihre Emotionen, wie Freude, Missfallen oder Aufregung, konnten wir sehr gut erkennen. Die Ente war regelrecht schmusig, am liebsten wurde sie am Hals gekrault wie ein Kätzchen.

Nachspiel

Einen Sommer später wohnen wir in Bayern und haben unser Haus in Halstenbek an Amerikaner vermietet. Wir fragen, wie es ihnen dort gefällt. Die Antwort:  „Sehr gut. Aber das Schönste für unsere Kinder sind die zahmen Enten! Jeden Tag kommt eine Entenmutter mit ihren Jungen auf die Terrasse, klopft mit ihrem Schnabel an die Tür und lässt sich aus der Hand füttern!“
Wir können kaum glauben, dass Ducky zu unserem Haus zurückgekehrt ist. Aber als auch Johns Freundin Svenja anruft und uns von einer Ente auf ihrem Kompost berichtet („Das ist bestimmt Ducky!“), sind wir sicher: Sie hatte  ihr erstes Zuhause wiedergefunden.
Vier Jahre später wohnen wir wieder in Halstenbek, und im Frühsommer erscheint ein prächtiger Erpel an der Terrassentür und „klopft an“. Leider verbellt unsere Dinah diesen Fremdling sofort und wir sehen ihn nie wieder. Aber uns ist klar: Das muss ein Sohn von Ducky gewesen sein.

 

 

 

 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. schoene Geschichte- danke. cornelia, La Orotava, Tewnerife

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